Trotz massiver Polizeigewalt: Entschlossener Widerstand gegen Nazis

Über 20.000 AntifaschistInnen haben sich am 2. Juni dem „Tag der deutschen Zukunft“ entgegengestellt. Entlang der geplanten Route sorgten Tausende dafür, dass der Aufmarsch mehrfach ausweichen musste um schlussendlich auf einer knapp 1,5 Kilometer lange Alternativstrecke zu laufen. Blockaden, Barrikaden und direkte Angriffe hatten den Aufzug der etwa 500 – 600 Nazis immer wieder behindert. Auch 4400 Polizisten, die brutal gegen AntifaschistInnen vorgingen, konnten das nicht verhindern. Die antifaschistische Mobilisierung hat unmissverständlich gezeigt, dass die Nazis in Hamburg auf konsequenten Widerstand treffen.

Ab 9 Uhr starteten die Proteste. Außer dem Schaulaufen der Parteien und Institutionen auf der Kundgebung von Senat und Bürgerschaft am Rathausmarkt, die möglichst viele Leute von Protesten an der Naziroute abhalten sollte, fanden sich über 6000 Menschen auf der Demonstration des „Hamburger Bündnis gegen Rechts“ (HBgR) in der Innenstadt ein. Unter dem Motto „Internationale Solidarität statt völkischem Wahn“ zogen sie vom Gerhard-Hauptmann-Platz zum Gänsemarkt. Zur selben Zeit sammelten sich in Wandsbek, dem Aufmarschgebiet der Nazis, mehrere tausend AntifaschistInnen, um die Nazis zu blockieren und ihren Aufmarsch zu stoppen. Ausgehend von drei Kundgebungen versuchen sie auf die angemeldete Naziroute zu gelangen, was an vielen Stellen erfreulich gut funktionierte. Der Treffpunkt autonomer AntifaschistInnen in der Gluckstraße wurde von der Polizei eingekesselt. Trotz einer kurzen und heftigen Auseinandersetzung war kein Ausbruch möglich. Fast 600 Menschen wurden über 5 Stunden festgehalten. Mehrere Stunden ohne Toiletten und Wasser, bis sie gegen 16 Uhr den Kessel verlassen durften.

An anderen Stellen konnten AntifaschistInnen erfolgreich auf die angemeldete Nazi-Route vordringen. Mehrere Blockadegruppen haben es trotz massiver Polizeiangriffe – mit Pfeffer, Schlagstock und Wasserwerfern – immer wieder geschafft. Von zwei Treffpunkten aus machten sich zahlreiche Menschen, in mehreren Blockadefingern, zusammengesetzt aus unterschiedlichen Spektren, auf den Weg Richtung Nazi-Route. Polizeiketten wurden umlaufen oder überrannt und Hunderte blockierten durch ihre Anwesenheit. Neben den Massenblockaden sorgten andere AntifaschistInnen mit brennenden Barrikaden dafür, dass der geplante Weg der Nazis unpassierbar wurde. Die Polizeiführung entschied sich mehrfach für ein Umlenken des Aufmarschs. Die Nazis bekamen eine ca. 1,5 Kilometer lange Strecke bis zur S-Bahnstation Hasselbrook. Hunderte strömten auf die neue Aufmarschstrecke, immer wieder kam es zu Blockaden, die die Polizei mit Wasserwerfer- und Schlagstockeinsätzen auflöste.  An verschiedenen Orten verloren die Polizisten vollständig die Kontrolle, es folgten Angriffe mit Steinen, Flaschen und Böllern auf die Nazis. Erst gegen 17:30 Uhr erreichten die Faschisten die S-Bahnstation Hasselbrook, nachdem der Aufzug zeitweilig von allen Seiten durch Menschenblockaden eingekesselt war. Auf eine Fortsetzung des Aufmarschs, die kurzzeitig im Gespräch war, wollte sich die Polizei nicht einlassen. Bei der Abreise kam es u.a. in Harburg und Bremen zu weiteren Konfrontationen mit Nazis.

In Anbetracht des politischen und polizeilichen Willens, den Aufmarsch unter allen Umständen durchzuführen, waren die Proteste ein Erfolg für die antifaschistische Bewegung. Mit etwa 500 -600 TeilnehmerInnen kamen nur halb so viele Nazis wie erwartet. Laut Nazi-Internetforen haben einige die Anreise nicht unbeschadet überstanden. Eine breite Mobilisierung brachte tausende Menschen aus unterschiedlichen Spektren zu vielfältigen Aktionen auf die Straße. Mit verschiedenen Konzepten, von Blockaden bis militanten Aktionen, konnten die Nazis effektiv gestört werden. Und das, obwohl die Polizei sich alle Mühe gab, den Aufmarsch gewalttätig durchzusetzen und Dutzende AntifaschistInnen verletzt wurden. In der Nachbetrachtung bleiben aber einige Fragen offen: Zum Beispiel, warum das HBgR seine Demo in der Innenstadt veranstaltete, obwohl längst klar war, dass der Aufmarsch in Wandsbek stattfinden wird. Das stößt bei vielen auf völliges Unverständnis. Aber auch militant agierende Gruppen müssen sich fragen lassen, wie sinnvoll einzelne Aktionen waren. Die Effektivität und Notwendigkeit von Barrikaden und direkten Angriffen auf Nazis liegen auf der Hand. Ebenso, dass es an einem solchen Tag zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kommt, die den Aufmarsch schützen will. Mit der Vermittelbarkeit von brennenden Autos von AnwohnerInnen ist es schon schwieriger – ohne das wir die genauen Umstände kennen, wie es dazu kam. Militant zu handeln bedeutet eben auch verantwortungsvoll zu handeln, keine sinnlosen Aktionen zu starten und vor allem die anderen Protestformen – mit ihrem jeweiligen Aktionskonsens – zu respektieren. Bis auf wenige Ausnahmen ist das am 2. Juni auch gelungen.

In den Medien herrscht eine Spaltung von „friedlichen Protest“ und „militanten Krawallmachern“ vor. Andererseits erfahren die Proteste, einschließlichen der Blockaden, eine gewisse Wertschätzung. Fakt bleibt: Ohne unterschiedlichen Aktionsformen, von den Massenblockaden bis zu den Barrikaden und militanten Angriffen, hätten wir die Nazis nicht auf eine verkürzte Route zwingen können. Der Erfolg besteht gerade darin, dass sich die vielfältigen Protestmittel gegenseitig ergänzten. Von den bürgerlichen Parteien abgesehen ist die große Spaltung und Abgrenzung in den antifaschistischen Bündnissen bisher ausgeblieben. Und das ist gut so.

Schon jetzt haben die Nazis angekündigt den „Tag der deutschen Zukunft“ nächstes Jahr in Wolfsburg veranstalten zu wollen. Die Hoffnung ihren nationalistischen und völkischen Marsch als norddeutsches Großevent zu etablieren haben sie also noch nicht aufgegeben. Hamburg hat aber gezeigt, dass sie dabei mit Widerstand auf allen Ebenen zu rechnen haben. 2013 heißt es wohl für die niedersächsische Autostadt: Keine Zukunft für Nazis!

PRP

Das Projekt Revolutionäre Perspektive (PRP) wurde Anfang 2009 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Menschen aus verschiedenen Bereichen der (radikalen) Linken. Die Erfahrungen der Mitglieder reichen in die autonome und antifaschistische Bewegung sowie in die antirassistische und internationalistische Arbeit hinein. Wir haben uns gemeinsam organisiert und versuchen, mit praktischen Aktionen gesellschaftliche Widersprüche aufzugreifen, für eine revolutionäre Perspektive einzutreten und Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen System aufzuzeigen.

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