Erste Sunnyside-Tour erfolgreich absolviert

Am Vormittag des 20. April 2013 wehte ein Hauch von Hoffnung durch das wintergebeutelte Hamburg, denn die erste Busfahrt zur Sonnenseite der Krise stand kurz vor der Abfahrt. Rund 25 Fahrgäste und einige Medienvertreter begaben sich bei bestem Wetter auf eine Tour zu den „schönen Seiten“ Hamburgs.

Pünktlich mit einer halben Stunden Verspätung traf der rote Doppeldecker aus den krisenfesten 1950er Jahren in der Hafencity ein und die ungeduldig wartenden Fahrgäste bestiegen den Bus. Nach einer ersten Sicherheitseinweisung durch das Moderatorenteam ging es auch schon los. Quer durch die angesagte Shoppingmeile Neuer Wall bahnte sich der Bus seinen Weg durch die Stadt. Fast im Vorübergehen passierte er die Handelskammer und Filialen der Deutschen Bank, welche vorbildlich die Krise zu händeln wissen, wie die aufgeweckten Moderator_innen versicherten. In der exklusiven Straße Bellevue stoppte die gutgelaunte Reisegruppe erstmalig vor der ansehnlichen Villa eines der Neupack-Eigentümer. Um Hajo Krüger, dem Chef mit Herz, zu seiner Standhaftigkeit gegenüber seiner aufmüpfigen Belegschaft zu gratulieren – denn die streiken seit dem 1. November 2012 für einen Tarifvertrag – und ihn für seinen tapferen Klassenkampf von oben zu gratulieren, wurde ihm ein einzigartiger Preis verliehen: Die Golden Peitsche. Persönlich nahm er den Preis leider nicht entgegennehmen, vermutlich war er zu beschäftigt. Nur wenige hundert Meter weiter folgte der nächste Halt. An dem Prestige-Bauprojekt Sophienterrassen am Harvesterhuder Weg entsteht nämlich die erste Gated Community Hamburgs. Das einmalige Bauvorhaben verspricht „Premium Wohnen“ auf höchstem Niveau, für einen schlappen Kaufpreis von 6.500€ pro Quadratmeter. Vorsichtig nährten sich die Fahrgäste den im Bau befindlichen Sophienterrassen, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen. Vor der Tür sprang der Funke der Luxusbauten aber sofort über. Einzelnen Tour-Teilnehmer wollten sich die Erinnerung bewahren und ließen sich hinter einer von Sunny-Side-Tours gesponserten, provisorischen Abendgarderobe vor einer der Mustervillen fotografieren. Andere flanierten, den Luxus anderer genießend, durch den Innenhof. Nach diesem Abstecher machte sich die Tour langsam auf den Rückweg. Es ging über die feine Elbchaussee, wo von den gesundheitlichen Vorzügen des Lebens besser betuchter Menschen geschwärmt wurde, runter zum Hafen. Dort wurde auf die krisenfesten Rüstungsgewinne von Blohm & Voss und EADS, die auf der anderen Elbseite zu sehen waren, mit dem einen oder anderen Likörchen angestoßen. Andere Fahrgäste hatten sich längst in das Sunny-Side-Bingospiel vertief und ihrerseits auf großartige Gewinne gehofft, die größtenteils ausblieben.

Und jetzt im Ernst:

Die Bustour zur Sonnenseite der Krise hat bei aller Satire ein durchaus ernsthaftes Anliegen. Wenn wir die „Gewinner“ der Krise mit Jubel, Danksagungen und einer gehörigen Portion Sozialneid auf die Schippe nehmen, wollen wir – wie könnte es anders sein – auf politische und soziale Fragen hinaus. Letztlich finden wir es ganz und gar nicht lustig, wenn Millionen Menschen in Südeuropa im Zuge der Krise verarmen, wenn Arbeiter_innen durch ihre Chefs drangsaliert und rausgeschmissen werden und der Reichtum der Einen, die Deklassierung und Armut der Anderen bedeutet.

Mit der Bustour verpacken wir unsere Kritik der gesellschaftlichen Verhältnissen in einer satirischen Form. Die einzelnen Station auf der Strecke thematisieren dabei verschiedene Aspekte des gewöhnlichen Irrsinns im Kapitalismus:

Vor einer Filiale der Deutschen Bank thematisierten wir die Rolle des größten deutschen Kreditinstituts innhalb der europäischen Krisenpolitik. Die Deutsche Bank hat z.B. eine zentrale Rolle bei den Zwangsräumungen tausender Familien in Spanien gespielt, die infolge der Krise ihre Kredite für die Wohnungen nicht mehr zahlen konnten. Sie nimmt zudem entscheidenden Einfluss auf die Politik der EU-Regierungen, die die Kosten der Krise auf die abhängig Beschäftigten abwälzen, um die Profite der Banken zu sichern und den Euro zu stabilisieren.

Auf der Strecke entlang der Elbe nutzten wir den Blick auf Blohm & Voss, um auf den Zusammenhang von Krieg und Krise einzugehen. Blohm & Voss sowie EADS gehören zu zentralen Akteuren in der Rüstungsproduktion und verdienen Milliarden mit Kriegsgeschäften. Deutschland gehört seit Jahren zu den führenden Rüstungsproduzenten in der Welt. Gerade in Krisenzeiten scheinen Panzer, U-Boot und andere Kriegsgeräte ein lukrativer, unerschütterlicher Markt zu sein. Das sich auch mit Krieg, Elend und Zerstörung gewaltige Profite erwirtschaften lassen, verdeutlicht einmal mehr den destruktive Charakter des Kapitalismus.

An den Sophienterrassen am Harvestehuder Weg griffen wir die Wohnungsfrage und die städtischen Lebensqualitäten auf. Bei den Sophienterrassen handelt es sich um eine sogenannte „gated community“, ein abgeschlossenes Wohnviertel für Besserverdienende. Privatisierung öffentlichen Raums, „Premium Wohnen“ – das Motto der Sophienterrassen – anstelle von sozialem Wohnungsbau und Verdrängung einkommensschwacher BewohnerInnen stehen exemplarisch für eine neoliberale Stadtentwicklungspolitik. Die Sophienterrassen sind der zugespitzt Ausdruck einer auf finanzkräftige BewohnerInnen, Investoren und Gewinne ausgerichteten städtischen Bebauung, die vorbei an den Bedürfnissen der Mehrheit der Menschen in Hamburg geht.

Vor der Villa eines der Eigentümer der Firma Neupack, greifen wir die Arbeitsbedingungen in dem Betrieb auf und thematisieren das rigorose Vorgehen der Geschäftsführung gegen die streikende Belegschaft. Seit dem 1. November befinden sich die Beschäftigten im Streik für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durch einen Haustarifvertrag. Die Eigentümer verweigern jedwede Einigung mit den Beschäftigten und der Gewerkschaft. Die aggressive Firmenpolitik von Neupack steht für einen schonungslosen Klassenkampf von oben, indem sie mit Gerichtsverfahren, Abmahnungen und Kündigungen massiv gegen die Streikenden vorgehen und durch den Einsatz von Leiharbeiter_innen versuchen das Streikrecht zu unterlaufen. Dort überreichten wir den Eigentümern die wohverdiente „Goldene Peitsche“

Auf dem Weg durch wohlhabende Wohngebiete wurde der Zusammenhang zwischen Gesundheit und sozialer Ungleichheit aufgegriffen. Die Lebenserwartung in Deutschland liegt abhängig von Einkommen und sozialer Schichtzugehörigkeit um ca. 10 Jahre auseinander. Gesundheit ist also kein individueller Zustand, sondern Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen. Beim Kampf um soziale Gerechtigkeit geht es auch ganz schlicht um die Verlängerung von Lebenszeit.

Während Wirtschaft, Politik und Medien die Krise als gewaltige Naturkatastrophe behandeln, die sozialen Folgen in Südeuropa als unausweichlich darstellen und der Kapitalismus gerettet statt kritisiert wird, möchten wir eine andere Perspektive aufmachen. Mit dem humoristischen Blick auf die „Sonnenseite der Krise“ zeigen wir, dass der gesellschaftliche Reichtum von unten nach oben umverteilt wird – trotz oder gerade wegen der Krise. Sowohl die Verarmungstendenz wie auch die Reichtumsexplosion sind Ausdruck der Verhältnisse im Kapitalismus, die oft durch geschlechtsspezifische und rassistische Diskrimierungen noch verstärkt werden. Auch in der Bundesrepublik ist der Anteil der abhängig Beschäftigten am Sozialprodukt massiv gesunken, ein Viertel der Lohnabhängigen ist prekär beschäftigt, viele sind arm trotz ganztägiger Arbeit. Auch die sozialen Partizipationschancen und die Lebensqualität sind wesentlich durch die Klassenlage geprägt, was auch ein geschönter Armutsbericht der Bundesregierung nicht kaschieren kann.

Wir wissen, dass die Beiträge auf der Bustour zu Vereinfachungen und Verkürzungen einladen. Auch wenn wir davon ausgehen, dass es handelnde Subjekte gibt, die über Eigentum verfügen, die Verwertung von Kapital organisieren, ein Interesse an der Ausbeutung von Arbeitskräften haben und ihren Reichtum darauf begründen, geht unsere Kritik deutlich weiter. Wir wollen die sozialen Verhältnisse keineswegs personalisieren. Uns geht es nicht um „gierige Banker“, „Spekulanten“ oder „ungerechte Unternehmer“, sondern um das herrschende System als ganzes. Es handelt sich um eine Klassengesellschaft, die nicht von einzelnen Funktionsträger_innen abhängig ist. Sie beruht auf der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, um möglichst große Profite zu erzielen. Die Verwertung von Kapital ist Sinn und Zweck der Produktion. Wir kritisieren also nicht weniger als die kapitalistische Verwertungslogik, die alle gesellschaftlichen Beziehungen durchdringt und die Lebensverhältnisse der Mehrheit der Menschen untergräbt.

Mehr Informationen:

Sunnyside-Tours
hamburg.avanti-projekt.de
prp-hamburg.tk
www.medibuero-hamburg.org

PRP

Das Projekt Revolutionäre Perspektive (PRP) wurde Anfang 2009 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Menschen aus verschiedenen Bereichen der (radikalen) Linken. Die Erfahrungen der Mitglieder reichen in die autonome und antifaschistische Bewegung sowie in die antirassistische und internationalistische Arbeit hinein. Wir haben uns gemeinsam organisiert und versuchen, mit praktischen Aktionen gesellschaftliche Widersprüche aufzugreifen, für eine revolutionäre Perspektive einzutreten und Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen System aufzuzeigen.

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