Zum Jahrestag des Neupack-Streiks…

Anlässlich des Jahrestages des Beginns des Neupack-Streiks hielt die Gewerkschaft IG BCE vor dem Betrieb eine Kundgebung ab. Etwa fünfzig Personen kamen zusammen, um zu verdeutlichen, dass die Ziele des Arbeitskampfes noch nicht erfüllt sind und weiterhin Druck notwendig ist. Allerdings nahmen nur wenige der ehemaligen Streikenden teil, zu groß scheint die Skepsis gegenüber der IG BCE, die immer wieder kämpferische Ansätze und eine demokratische Streikführung ausbremste.

Der Streik startete am 01. November 2012 und über sechs Monate kämpften die ArbeiterInnen für einen Tarifvertrag und bessere Arbeitsbedingungen. Viele Einzelpersonen und linke Gruppen unterstützten immer wieder vor Ort die Streikposten, gründeten einen eigenständigen Soli-Kreis, halfen bei rechtlichen Fragen und vielem mehr. Mit dem Einsatz von Streikbrecher_innen, fristlosen Kündigungen, Klagen und anderen Maßnahmen ging der Eigentümer Krüger aggressiv gegen den Arbeitskampf vor.

Zur Kundgebung und dem ersten Jahrestag des Streikbeginns gaben Teile des Soli-Kreises – der weiterhin aktiv ist – folgendes Flugblatt heraus:

Flugblatt von einigen Solikreismitgliedern vor Neupack am 1.11.2013

WER KÄMPFT KANN VER­LIE­REN
WER NICHT KÄMPFT, HAT SCHON VER­LO­REN
WER VER­LO­REN HAT, KANN WIE­DER AUF­STE­HEN
WER WIE­DER AUF­STEHT, HAT ER­FAH­RUN­GEN

Liebe Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen,

das gilt für alle von Euch, deren Streik wir 80 Tage lang un­ter­stüt­zen konn­ten – und den wir dann wei­te­re gut 7 Mo­na­te nur noch be­glei­ten konn­ten, da Ihr am 24. Ja­nu­ar von der IG BCE – Lei­tung wie­der in den Be­trieb ge­schickt wor­den seid.
Es hat uns be­ein­druckt, wie stark ihr ge­we­sen seid, trotz­dem es für viele von Euch euer ers­ter Ar­beits­kampf war. Ihr seid als Ar­bei­te­rIn­nen auf­ge­tre­ten, habt Euch im Streik bes­ser ken­nen ge­lernt – was nicht leicht ist, wenn man ver­schie­de­ne Mut­ter­spra­chen und Denk­wei­sen von Haus aus hat.
Der So­lik­reis be­steht aus vie­len un­ter­schied­li­chen Grup­pen und Ein­zel­per­so­nen, die aus teils sehr un­ter­schied­li­chen po­li­ti­schen Tra­di­tio­nen stam­men. Nichts­des­to­trotz hat es uns ge­eint, den ganz kon­kre­ten Kampf der Neu­pack-​Kol­le­gIn­nen prak­tisch zu un­ter­stüt­zen. Wir waren vor Ort, als in aller Herr­gotts­frü­he an der Seite der Kol­le­gIn­nen im Do­er­ries­weg die Tore blo­ckiert wor­den sind. Wir waren auch immer an­sprech­bar für die Kol­le­gIn­nen, viele haben ge­mein­sam Schich­ten im Streik­zelt ge­scho­ben. Wir haben im St. Pau­li-​Sta­di­on, in lin­ken Me­di­en und mit Ver­an­stal­tun­gen den Streik be­kannt ge­macht und So­li­da­ri­tät or­ga­ni­siert. Wir hät­ten auch noch mehr ge­macht, wenn man uns ge­las­sen hätte. Lei­der wur­den bei­spiels­wei­se un­se­re Be­su­che bei Zu­lie­fer­be­trie­ben un­ter­sagt. Un­term Strich ging es uns immer darum zu zei­gen: Ihr seid nicht al­lein! Euer Kampf ist unser Kampf! Und euer Kampf ist auch der Kampf vie­ler Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen in der gan­zen Bun­des­re­pu­blik.
Denn was bei Neu­pack pas­siert ist, ist in vie­ler­lei Hin­sicht ex­em­pla­risch und zu­kunfts­wei­send. Wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass die über­wie­gen­de Mehr­zahl der Be­trie­be in Deutsch­land Mit­tel­stands­be­trie­be sind.
Und diese Fir­men kon­kur­rie­ren in­fol­ge der Glo­ba­li­sie­rung der Märk­te und Pro­duk­ti­on mit Un­ter­neh­men über­all auf der Welt. Und was heißt das, „wett­be­werbs­fä­hi­ger“ wer­den? Kon­kret heißt das: Sie stei­gen aus Ta­rif­ver­trä­gen aus oder leh­nen den Ab­schluss eines sol­chen gleich grund­sätz­lich ab. Sie drü­cken die Löhne und ver­schlech­tern die Ar­beits­be­din­gun­gen. Und nicht zu­letzt be­kämp­fen sie jeden Ver­such des Pro­tests oder Wi­der­stands er­bit­tert. Was die Krü­gers ge­macht haben, ist daher keine Über­ra­schung. Sie sind nicht die per­so­ni­fi­zier­te Rück­kehr des Mit­tel­al­ters, son­dern die Ver­kör­pe­rung des mo­der­nen Klein­ka­pi­ta­lis­ten. Die Krü­gers be­sit­zen auch keine „un­ter­neh­me­ri­sche Un­ver­nunft“. Sie haben nicht in „un­ter­neh­me­ri­scher Un­ver­ant­wor­tung“ ge­han­delt, wie Herr Vas­si­lia­dis beim letz­ten IG BCE Kon­gress be­haup­tet hat. Die Krü­gers sind im Ge­gen­teil ihrer un­ter­neh­me­ri­schen Ver­nunft und Ver­ant­wor­tung ganz di­rekt ge­folgt. Aus die­sen Grün­den hat der Ar­beits­kampf bei Neu­pack auch Mo­dell­cha­rak­ter für tau­sen­de an­de­re Be­trie­be in der Re­pu­blik.
Umso bit­te­rer ist es, dass wir knapp ein Jahr nach Be­ginn des Streiks kon­sta­tie­ren müs­sen, dass wir Zeu­gin­nen und Zeu­gen einer his­to­ri­schen Nie­der­la­ge ge­wor­den sind. Das heißt nicht, dass die mi­ni­ma­len Zu­ge­ständ­nis­se Krü­gers wert­los sind. Aber ge­mes­sen an den Zie­len, der ge­gen­wär­ti­gen Si­tua­ti­on der Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen im Be­trieb, der Größe der Ge­werk­schaft, den Op­fern der kämp­fen­den Kol­le­gIn­nen und den Zu­ge­ständ­nis­sen, die die IG BCE den Krü­gers ge­macht hat, kann und soll­te man das Er­geb­nis des Streiks nicht be­schö­ni­gen. Durch die Aus­wer­tung Eurer und un­se­rer Er­fah­run­gen kön­nen wir einen neuen, bes­se­ren Weg fin­den.
Wir müs­sen uns und un­se­ren Kol­le­gIn­nen klar ma­chen, dass die Aus­beu­tung im Be­trieb uns eint, egal wel­cher Her­kunft wir sind, an wel­chen Gott wir glau­ben oder wel­ches Ge­schlecht wir haben. Und wir müs­sen uns vor Augen füh­ren, dass nie­mand uns hel­fen wird, außer wenn wir uns sel­ber or­ga­ni­sie­ren.
Po­li­ti­ker kön­nen schö­ne Reden hal­ten, Ge­werk­schaf­ten sind nütz­li­che In­stru­men­te, wenn man sie rich­tig ein­setzt. Aber Po­li­ti­ke­rIn­nen in den Par­la­men­ten nüt­zen uns ge­nau­so wenig wie Ge­werk­schaf­ten, wenn wir in den Be­trie­ben keine Macht haben. Und Macht be­kom­men wir nur, wenn wir uns or­ga­ni­sie­ren – im Be­trieb und in der Ge­werk­schaft.
Wenn ihr den Krü­gers eine Lek­ti­on er­tei­len wollt, dann geht das nur da­durch, dass bei Neu­pack nicht nur ein Murat, son­dern viele Mu­rats ar­bei­ten. Alle mit ihm wei­ter kampf­be­rei­ten Kol­le­gIn­nen kön­nen sich die geis­ti­gen und prak­ti­schen Fer­tig­kei­ten an­eig­nen, die es für den Kampf be­darf.
Wir wer­den Euch wei­ter un­ter­stüt­zen.
Ei­ni­ge Kol­le­gIn­nen des So­lik­rei­ses

PRP

Das Projekt Revolutionäre Perspektive (PRP) wurde Anfang 2009 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Menschen aus verschiedenen Bereichen der (radikalen) Linken. Die Erfahrungen der Mitglieder reichen in die autonome und antifaschistische Bewegung sowie in die antirassistische und internationalistische Arbeit hinein. Wir haben uns gemeinsam organisiert und versuchen, mit praktischen Aktionen gesellschaftliche Widersprüche aufzugreifen, für eine revolutionäre Perspektive einzutreten und Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen System aufzuzeigen.

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