Bericht: 1. Mai 2014 – RISE UP

2000 Teil­neh­mer_in­nen auf an­ti­ras­sis­ti­scher und an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Vor­a­bend­de­mons­tra­ti­on +++ Über 600 Men­schen im klas­sen­kämp­fe­ri­schen Block auf der Ge­werk­schafts­de­mo +++ Pro­tes­te gegen Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz +++ Haus­be­set­zung und Er­öff­nung eines „Re­fu­gee wel­co­me cen­ters“ +++ Spontan­de­mo mit über 800 Teil­neh­mer_in­nen

Vor­a­bend­de­mons­tra­ti­on

Am 30. April de­mons­trier­ten rund 2000 Men­schen unter dem Motto „Free­dom of mo­ve­ment now“ vom Bahn­hof Al­to­na bis zum Park Fic­tion im Stadt­teil St. Pauli. Das Rise Up!-​Bünd­nis – ein Zu­sam­men­schluss lin­ker, an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Grup­pen – hatte zur an­ti­ras­sis­ti­schen und an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Vor­a­bend­de­mo auf­ge­ru­fen. In­halt­lich ging es vor­ran­gig um stadt­spe­zi­fi­sche The­men, wie den Um­gang mit der Grup­pe „La­me­pe­du­sa in Ham­burg“, die Mie­ten-​ und Wohn­raum­fra­ge sowie die au­to­ri­tä­re und po­li­zei­staat­li­che Stadt­po­li­tik des Se­nats. Nach der Auf­takt­kund­ge­bung mit Re­de­bei­trä­gen zur eu­ro­päi­schen Kri­sen­po­li­tik, der Not­wen­dig­keit von Al­ter­na­ti­ven zum Ka­pi­ta­lis­mus und zur Ge­schich­te des 1. Mai setz­te sich die De­mons­tra­ti­on in Be­we­gung. Ein kur­zes Gruß­wort an die fe­mi­nis­ti­sche „Take back the night“-Demo in Bre­men wurde ver­le­sen und ein Re­de­bei­trag zum Rechts­po­pu­lis­mus in Eu­ro­pa ge­hal­ten. Mit Schil­dern wie „Klas­se gegen Klas­se“ und unter lau­ten Pa­ro­len zog die Demo durch Al­to­na-​Alt­stadt. Von einem Haus­dach in der Jes­sen­stra­ße wurde ein gro­ßes Trans­pa­rent mit der Auf­schrift „Es ist Wahn­sinn sich nicht zu er­he­ben – Squat the city“ her­un­ter­ge­las­sen und mit reich­lich Rauch dar­auf auf­merk­sam ge­macht.

 

Die Po­li­zei hielt sich er­freu­li­cher­wei­se die meis­te Zeit im Hin­ter­grund. Den­noch kam es zu einem Zwi­schen­fall als die De­mons­tra­ti­on die Ree­per­bahn er­reich­te. Ein Po­li­zist sprüh­te wahl­los und ohne er­sicht­li­chen Grund mit Pfef­fer­spray in die Menge, was mitt­ler­wei­le auch die Ham­bur­ger Mor­gen­post auf­ge­grif­fen hat. Nach einem kur­zen Stopp ging die Demo wei­ter. Auf Höhe der Es­so-​Häu­ser hielt die „In­itia­ti­ve Esso Häu­ser“ eine Rede zur ak­tu­el­len Si­tua­ti­on der ehe­ma­li­gen Be­woh­ner_in­nen und den Ab­riss­plä­nen der Ei­gen­tü­mer, die das Ge­bäu­de über Jahre ka­putt­ge­spart haben. Die Demo zog wei­ter durch St. Pauli bis zur Ab­schluss­kund­ge­bung im Park Fic­tion, wo ein Ver­tre­ter der Grup­pe „Lam­pe­du­sa in Ham­burg“ ihre ak­tu­el­le Lage schil­der­te. Zum Ende folg­te ein klei­nes Hip Hop-​Kon­zert mit MC Nuri, das den Abend aus­klin­gen ließ.

Klas­sen­kämp­fe­ri­scher/An­ti­ka­pi­ta­lis­ti­scher Block – Pro­tes­te gegen Olaf Scholz

Am Mor­gen des 1. Mai fand die tra­di­tio­nel­le Ge­werk­schafts­de­mo des DGB statt. Etwa 4000 – 5000 Men­schen zogen auf einer re­la­tiv kur­zen Route vom Loh­müh­len­park zum Ge­werk­schafts­haus am Be­sen­bin­der­hof. Das Ri­se-​Up!-​Bünd­nis or­ga­ni­sier­te das zwei­te Jahr in Folge einen klas­sen­kämp­fe­ri­schen und an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Block, der sich hin­ter dem in­ter­na­tio­na­lis­ti­schen Teil in der Ge­werk­schafts­de­mo ein­reih­te. Mit über 600 Teil­neh­mer_in­nen war der Block noch grö­ßer als im ver­gan­ge­nen Jahr. Der Block ver­folgt den An­satz, Ba­sis­kämp­fe aus ver­schie­de­nen Be­rei­chen zu stär­ken und zu ver­bin­den. Dar­über hin­aus soll eine deut­li­che Kri­tik an der So­zi­al­part­ner­schaft, Stand­ort­na­tio­na­lis­mus und Ka­pi­ta­lis­mus in die DGB-​De­mo ge­tra­gen wer­den.

Die Reden kamen größ­ten­teils von ver­schie­de­nen Ba­si­s­in­itia­ti­ven. Die Er­öff­nungs­re­de von Ri­se-​Up! ging auf das EU-​Kri­sen­ma­nage­ment und die so­zia­len Kämp­fe in Süd­eu­ro­pa ein. Der Bei­trag hob her­vor, dass es not­wen­dig ist, sich zu or­ga­ni­sie­ren und auch hier­zu­lan­de den Wi­der­stand gegen Staat und Ka­pi­tal zu ent­wi­ckeln. An­schlie­ßend folg­te eine Rede der Be­triebs­grup­pe eines Kran­ken­hau­ses, der Ar­beits­be­din­gun­gen im Ge­sund­heits­sek­tor und die so­zia­len Fol­gen der Öko­no­mi­sie­rung von Pfle­ge the­ma­ti­sier­te. Mit laut­star­ken Pa­ro­len und Musik star­te­te die Demo. Es folg­te eine Rede der ver.​di-​Ju­gend zur Auf­nah­me der Lam­pe­du­sa-​Flücht­lin­ge in die Ge­werk­schaft und die hef­ti­gen in­ter­nen De­bat­ten, die da­durch aus­ge­löst wur­den. Denn ins­be­son­de­re die SPD-​na­hen Funk­tio­närs­ebe­nen wol­len of­fen­bar keine Men­schen mit un­ge­si­cher­tem Auf­ent­halts­sta­tus in der Ge­werk­schaft haben und es kommt zu einem zu­neh­men­den Kon­flikt mit der Basis. An­schlie­ßend sprach der „Ar­beits­kreis Be­triebs­kämp­fe“ zum Streik bei Ama­zon und dem Ar­beits­kampf bei Za­lan­do. Der Bei­trag stell­te auch die Frage, warum so we­ni­ge linke Ak­ti­vis­t_in­nen ihre ei­ge­nen Ar­beits­be­din­gung als Aus­gangs­punkt für Or­ga­ni­sie­rung neh­men und sich die ra­di­ka­le Linke ins­ge­samt nur sel­ten zu Ar­beits­kämp­fen ver­hält. Ein er­freu­li­ches Bei­spiel für Ba­sis­or­ga­ni­sie­rung ist die neu­ge­grün­de­te Ver­net­zung „Or­ga­ni­sier­te Er­zie­her_in­nen in der Aus­bil­dung“, die an­schlie­ßend in einer Rede über ihre For­de­rung nach Aus­bil­dungs­ver­gü­tung und schlech­te Ar­beits­be­din­gun­gen von Er­zie­her_in­nen spra­chen.

Zur Über­ra­schung ei­ni­ger Teil­neh­mer_in­nen ließ es sich auch in die­sem Jahr Bür­ger­meis­ter Olaf Scholz nicht neh­men an der Spit­ze der Demo mit zu lau­fen. Die Kri­tik an sei­nem Auf­tritt wurde zum be­stim­men­den Thema des Tages. Noch wäh­rend der Demo pro­tes­tier­ten ei­ni­ge Men­schen mit Schil­dern wie „Olaf Scholz genug ge­hetzt – Blei­be­recht wird durch­ge­setzt“ gegen den 1. Bür­ger­meis­ter und die Po­li­tik des Se­nats. Sie setz­ten sich vor der De­mo­spit­ze auf die Stra­ße, um mit einer klei­nen Sitz­blo­cka­de gegen die An­we­sen­heit von Scholz – der von Tei­len der Ge­werk­schafts­füh­rung ho­fiert wird – zu pro­tes­tie­ren. Die Po­li­zei räum­te sie bru­tal bei­sei­te und mach­te Scholz und den Ge­werk­schafts­funk­tio­nä­ren in der ers­ten Reihe den Weg frei. Zum Ende der Demo spitz­te sich die Si­tua­ti­on er­neut zu: Bei der Ab­schluss­kund­ge­bung sam­mel­ten sich ei­ni­ge Un­ter­stüt­zer_in­nen der Grup­pe Lam­pe­du­sa in Ham­burg vor dem Ge­werk­schafts­haus, in dem die zen­tra­le DGB-​Ver­an­stal­tung – die auch Olaf Scholz be­su­chen soll­te – ge­plant war. Die Po­li­zei rie­gel­te kur­zer­hand den Zu­gang zum Ge­werk­schafts­haus ab und se­lek­tier­te mit Hilfe ei­ni­ger Ge­werk­schafts­se­kre­tä­re die Be­su­cher_in­nen der Ver­an­stal­tung. Viele Ge­werk­schafts­mit­glie­der muss­ten drau­ßen blei­ben. Mit Sprech­chö­ren gegen Scholz und für Blei­be­recht be­la­ger­ten schließ­lich meh­re­re Hun­dert Men­schen, die an der Teil­nah­me der Ver­an­stal­tung ge­hin­dert wur­den, den Ein­gang. Die DGB-​Ju­gend­se­kre­tä­rin ver­wei­ger­te dar­auf­hin ihre Rede auf dem Po­di­um, da ihre Leute vor der Tür stün­den. Scholz ver­ließ das Ge­bäu­de nach we­ni­gen Mi­nu­ten durch die Hin­ter­tür. Der DGB wird sich in Zu­kunft wohl über­le­gen müs­sen, ob Po­li­ti­kern, die für ihre men­schen­ver­ach­ten­de Hal­tung ge­gen­über den Lam­pe­du­sa-​Flücht­lin­gen und ihre Law & Or­der-​Po­li­tik be­kannt sind, am 1. Mai ein Forum ge­bo­ten wird. Der Tag zeig­te je­den­falls, dass große Teile der Ge­werk­schafts­ba­sis dafür nicht zu haben sind.

Mit ei­ni­ger Ver­spä­tung konn­te an­schlie­ßend die al­ter­na­ti­ve Ab­schluss­kund­ge­bung des Ri­se-​Up-​Bünd­nis be­gin­nen. Auf einer Open-​Air-​Dis­kus­si­on, die ge­mein­sam mit der Jun­gen GEW und den GEW.​Studis or­ga­ni­siert wurde, dis­ku­tier­ten Flo­ri­an Wilde von der Ro­sa-​Lu­xem­burg-​Stif­tung, Mario Beck­stei­ner von der Uni­ver­si­tät Ham­burg, ein Ver­tre­ter der GEW und Mi­guel Sanz Al­can­tra­ra von der an­da­lu­si­schen Ba­sis­ge­werk­schaft SAT Fra­gen des po­li­ti­schen Streiks.

Pa­ra­de und „Re­fu­gee wel­co­me cen­ter“
besetzte_schuleNach der Ge­werk­schafts­de­mo star­te­te an der Mi­chel­wie­se eine Pa­ra­de unter dem Motto „Recht auf Stadt kennt keine Gren­zen“. Meh­re­re Tau­send Men­schen zogen durch St. Pauli bis ins Ka­ro­li­nen­vier­tel. Am Rande der Pa­ra­de wurde in der Laisz­stra­ße ein leer­ste­hen­des Schul­ge­bäu­de be­setzt und als „Re­fu­gee wel­co­me cen­ter“ neu er­öff­net. Über ei­ni­ge Stun­den ver­sam­mel­ten sich meh­re­re Hun­dert Men­schen im und um das Haus und zeig­ten durch prak­ti­schen An­eig­nung, wie Leer­stand in der Stadt ge­nutzt wer­den kann. Am Abend stell­te die Po­li­zei – die sich bis dahin zu­rück hielt – ein Ul­ti­ma­tum, dass das Haus um 21 Uhr ver­las­sen wer­den muss. Eine Voll­ver­samm­lung dis­ku­tier­te die Si­tua­ti­on und be­schloss, das Ge­bäu­de bis dahin zu ver­las­sen. Al­ler­dings setz­te sich noch vor Ende der Frist ein Trupp Po­li­zis­ten ra­bi­at vor den Ein­gang, so dass nie­mand mehr rein konn­te. Den­noch konn­ten gegen 21 Uhr alle Men­schen das Haus ohne Per­so­na­li­en­fest­stel­lung ver­las­sen. Im An­schluss zog eine Spontan­de­mo mit zeit­wei­se über 800 Teil­neh­mer_in­nen durchs Vier­tel und mach­te deut­lich, dass der Kampf für das Blei­be­recht der Grup­pe „Lam­pe­du­sa in Ham­burg“ wei­ter geht.
Ins­ge­samt lässt sich wohl sagen, dass die Ak­tio­nen und Mo­bi­li­sie­run­gen rund um den 1. Mai 2014 eine deut­li­che Stei­ge­rung zu den letz­ten Jah­ren dar­stel­len. Sel­ten war der 1. Mai so kon­kret: Die all­ge­mei­ne Ab­leh­nung des Ka­pi­ta­lis­mus und der Kampf für eine so­li­da­ri­sche und klas­sen­lo­se Ge­sell­schaft – wie sie in vie­len Städ­ten welt­weit am Kampf­tag der Ar­bei­ter_in­nen auf die Stra­ße ge­tra­gen wird – konn­ten mit den stadt­po­li­ti­schen Kämp­fen ver­bun­den und po­li­tisch zu­ge­spitzt wer­den.

PRP

Das Projekt Revolutionäre Perspektive (PRP) wurde Anfang 2009 gegründet und ist ein Zusammenschluss von Menschen aus verschiedenen Bereichen der (radikalen) Linken. Die Erfahrungen der Mitglieder reichen in die autonome und antifaschistische Bewegung sowie in die antirassistische und internationalistische Arbeit hinein. Wir haben uns gemeinsam organisiert und versuchen, mit praktischen Aktionen gesellschaftliche Widersprüche aufzugreifen, für eine revolutionäre Perspektive einzutreten und Alternativen zum gegenwärtigen kapitalistischen System aufzuzeigen.

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